Chillhan

Der Linksanwalt.

Ein Plädoyer zur Zerstörung.

Während meiner Abiturzeit habe ich mich in alternativen, linken Kreisen engagiert.
Ihr wisst schon:
Linkspartei, Gewerkschaftsgruppen, Antifa, Marx-Lesekreise usw.
Ich habe auf Podiumsdiskussionen gesprochen, Texte für die Parteijugend geschrieben, auf Demos
Reden gehalten, Marx gelesen, alternative Festivals organisiert und noch vieles mehr.
Mit etwa 17 Jahren hat das angefangen.
Die konkrete politische Arbeit in einer Partei oder Gewerkschaft, die tatsächlich gesellschaftlichen
Einfluss ausüben konnte, fand ich spannender als das Engagement in den zahlreichen linken
Jugendgruppen. Das Rumgebrüll auf Demos, das Saufen auf irgendwelchen Sommercamps, die
ganzen Stammtische waren „nicht so mein Ding“. Ich war eher mit den etwas Älteren unterwegs.
Ich mochte das Gestalten von Inhalten in Parteiprogrammen, die hitzigen Diskussionen auf
Tagungen, den Kontakt zur „großen politischen Bühne“.
Mir gefiel es, zu sehen, wie Machtpolitik konkret funktioniert.
Wie auf Parteitagen Für- und Gegenreden gehalten und hinter den Kulissen Bündnisse geschmiedet
wurden, die für die Aufstellung irgendwelcher Listenplätze bei konkreten Wahlen wichtig wurden.
Ich war also – wenn man es so will – ziemlich langweilig und uncool für meine 17 Jahre.
Später in Tübingen habe ich oft sog. „Sozialexperimente“ und Selbstversuche gestartet und wollte
wissen: Hey, wie behandeln dich eigentlich die jungen aufgeklärten und kritischen Linken z.B. von
alternativen Wohnprojekten, wenn du da mit Jogginghose reingehst und deinen „Straßenslang“
auspackst?
Ich habe die Gespräche zunächst mit meiner eher schlichten, plumpen Facette geöffnet.
Ich habe grobe Sprüche geklopft und meine Attitüde an meinen Kleidungsstil angepasst
(Jogginghose, Basecap, Nike-Schuhe). So war ich für die jungen Marx-Leser klar einzuordnen und
sie konnten mich in eine konkrete Schublade stecken. Sie dachten: „Ah, ein eher schlichter
Partyboy, der plump daherkommt“. Mir geht es hier um die Blicke und wie sie dann hinterrücks
über einen geredet haben. Denn sie gucken genauso auf dich herab, wie FDP-Snobs mit reichen
Eltern, die Hippies belächeln.
Dann bin ich aber oft noch einen Schritt weiter gegangen.
Nach einer Weile habe ich ganz plötzlich meine Attitüde geändert:
Auf einmal habe ich begonnen, das Gespräch zu dominieren, indem ersichtlich wurde, dass ich
mich in ihrem Themenfeld besser auskannte, als sie selbst. Sie redeten über praktische Philosophie,
die Dialektik von Marx und Hegel oder sprachen von US-amerikanischer Kriegspolitik etc.

Und ich wusste mehr Bescheid als sie selbst.
Nicht falsch verstehen: Mir geht es nicht darum, zu zeigen, wie geil ich bin. Das sollte nämlich
jedem klar sein…. (Spaß! xD)
Was war das Ergebnis?
Manche davon – und das war das allerwichtigste! – haben sich dabei ertappt, wie sie die ganze Zeit
über ein Vorurteil hatten. Sie dachten vielleicht erst: „Ah, ein eher schlichter Partytyp“. Doch dann
dachten sie sicher: „What the Fuck?!“.
Und darum geht es mir heute (und nicht nur heute):
Vorurteile müssen zerstört werden.
Und zwar auch die Vorurteile von denen, die meinen, keine zu haben und auf der „richtigen
Seite“ zu stehen.
Was mir an diesem Beispiel persönlich sehr wehtat, war die Tatsache, dass gerade diejenigen, die
sich Werte wie Toleranz und zwischenmenschlichen Respekt auf die Fahnen schreiben, oft genauso
schnell in ihrem Urteil sind wie irgendwelche unaufgeklärten Dorfmenschen.
In meinem Fall kritisierten sie den Rechtspopulismus und waren antifaschistisch.
Doch oft zeigt sich, dass ihnen nicht klar ist, auf welchem Boden Rassismus gedeiht.
Und warum Rassismus, faschistische Tendenzen und nationalistisches Gedankengut heute einen
Siegeszug durch die ganze Welt feiert: Ich meine damit Menschen wie Donald Trump, Ergogan,
Marine Le Pen, Frauke Petry und wie sie alle heißen.
Rassismus lebt von den eigenen inneren Mauern, die abgrenzen sollen.

 

(Foto aus: http://www.oldskoolman.de/bilder/sehenswuerdigkeiten/deutschland/grafitti-mauer-berlin/)

 

Der junge „Kevin vom Lande“ (nennen wir ihn einmal so) will mit seinen Dorfkumpels im
Biergarten saufen und vielleicht Türkenwitze machen.
AMG-Hasan (so heißt in meinem Kopf der Prototyp-Kanacke, ob mit oder ohne Abitur) will mit
seinen Habibis Shisha rauchen, geht oft zu McFit, hört Deutschrap und wird irgendwann einmal –
so Allah es will – einen Mercedes-AMG fahren. Seine Schwester trägt Kopftuch, sein Papa wählt
vielleicht Erdogan. Hasan selbst hat Fachabi oder Abi und studiert Wirtschaftsinformatik.
Und die „linke Hippie-Sandra“ will mit ihren Genossen im selbstverwalteten, heruntergekommenen
Wohnheim Marx lesen, ist Mitglied bei der Antifa und möchte die Welt aus ihrem Keller aus retten.
Doch Hippie-Sandra kommt sehr selten ins Gespräch mit AMG-Hasan und fragt ihn vorurteilsfrei
über seine Kopftuch-Schwester oder seine Vorliebe für Sportwagen aus. Genauso geht AMG-Hasan
in den seltensten Fällen zu Kevin und zeigt wahrhaftiges Interesse für seine Wirklichkeit.
Der Grund dafür ist, dass sie sich alle in ihrer Komfortzone ausruhen.
Wenn Du Menschen inspirieren und vielleicht sogar ändern willst, geht es vor allem um zwei Dinge:
1. Du musst unterschiedliche Sprachen sprechen können.
Das klappt nur, wenn du mit den unterschiedlichsten Menschen
sprichst und dich mit ihnen über ihre Welt unterhältst. Ich meine damit nicht zwangsläufig konventionelle Sprachen wie Englisch,
französisch, spanisch usw. Es ist natürlich ganz gut, wenn man die auch kann. Mir geht es aber vor
allem um „soziale Sprachen“. Ein Hasan hört der Hippie-Sandra allein schon wegen ihrem
tendenziösen Vokabular nicht richtig zu.
2. Du musst Nischen erkennen und durchbrechen.
Ich verweile niemals zu lange in irgendeiner Nische. Vielmehr versuche ich, sie ständig zu
durchbrechen. Ich beobachte schon seit Langem, dass sich Menschen nach einer Gruppe sehnen, die
so denkt, so handelt und so aussieht wie man selbst. Viele suchen nach einer Art Herdenwärme.
Ich denke da an (Jugend)Trends wie z.B. Hippies, Punks, Kanacks usw.
Es ist erstaunlich, wie viele Menschen heute gleich aussehen und sehr ähnliche Denkmuster haben.
Solche Nischen bzw. Gruppen gehören zerstört.
Warum?
Weil das Komfortzonen sind.
Und Komfortzonen bedeuten Stillstand und verhärten die Fronten.
Seit Neuestem versuche ich mich ständig in konfrontative Zustände zu versetzen.
D.h. ich setze mich so oft wie nur irgendwie möglich mit der „anderen Seite“ auseinander.
Hier ein gutes Beispiel dazu:
Als alle meine politisch Gleichgesinnten um mich herum anfingen, die AfD zu bashen und sich
darüber empörten, wie schlimm die doch seien, habe ich mir eine Zeit lang ununterbrochen ihre Reden angesehen. Ich lese ihre Programme, studiere ihre Bücher, spreche mit ihren Mitgliedern und will WIRKLICH verstehen, was Menschen an dieser Partei gut finden. Und vor allem will ich verstehen, ob die Guten wirklich die Guten sind, ob Martin Schulz beispielsweise denn so viel besser war als Frauke Petry, Beatix von Storch usw.

(Bild aus: http://www.waldeigentuemer.de/wp-content/uploads/2017/08/AfD-Logo-1-720×380.png)

 

Du siehst dich politisch als links orientiert, kritisierst den Neoliberalismus und bist Feminist?
Dann lies‘ nicht nur Zeitschriften wie die „Junge Welt“, das „Neue Deutschland“ oder die „Taz“..
Hin- und wieder ist das OK, um von den ganzen Lügen und der Propaganda Abstand zu gewinnen.
Doch das verhärtet auch deine Perspektive.
Lies‘ die BILD-Zeitung, die junge Freiheit oder die FAZ.
Like auf Facebook Christian Lindner von der FDP, um News von ihm zu erhalten.
Zieh‘ dir seine Statements und Argumente rein und zerstöre sie.
Versuche also, der bessere Neoliberale zu sein, als der Neoliberale es selbst ist.
Versuche, der bessere Rassist zu sein, als der Rassist selbst.
Und so kann man das mit allem im Leben machen.
Wir sollten es nicht zulassen, dass sich die Fronten verhärten. Und sie verhärten sich verdammt
schnell. Ich denke dabei gerne an meine Erfahrungen mit Vorurteilen zurück und nehme sie als
mahnendes Beispiel. Ich bin davon überzeugt, dass fast jeder da draußen schon einmal ähnliche
Dinge erlebt hat.
Denn eines ist klar: Wenn jemand eine Mauer baut, reißt man sie ein. Das Wichtigste aber ist, zu
erkennen, wann man denn selbst eine baut.

Mach‘ also deine eigenen Mauern kaputt.
Denn Zerstörung ist gut.
Zumindest hierbei.

 

 

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